Das Narrenrechtabholen

Der offizielle Startschuss in die närrische Hochphase findet alljährlich bereits am Mittwoch vor der Fasnet im Rahmen des Narrenrechtabholens statt, ein hochnärrisches Event, zu dem sich jedes Jahr Gäste von nah und fern aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einfinden.

In der zweiten Strophe des Waldseer Elferliedes wird schon treffend beschrieben worum es sich beim Narrenrechtabholen in Bad Waldsee handelt:

„Am Mittwoch vor dr Fasnet, kommt dr Polizei,

verkünd mit lauter Stimme, a goht d‘ Narretei,

dr Schultes kriagt dr Strohhut, aus isch mit em Hochmut,

Narrenfreiheit winkt, dr Schellenbaum jetzt klingt.“

Durch diesen Akt der Entmachtung der Stadtobrigkeit (Schultheiß und Magistrat) auf dem Rathaus und durch die Übergabe der Macht an den Zunftmeister und seine närrischen Räte, wird der Einfluss der Fasnet im städtischen Alltagsleben manifestiert und Narren übernehmen das Zepter während der närrischen Tage.

Das Narrenrechtabholen blickt dabei bereits auf eine lange Geschichte und Tradition zurück. Nach den Kriegswirren des 1. Weltkrieges und der Neubildung des Südweststaates in der Weimarer Republik durfte erst wieder ab 1925 Fasnet in Waldsee gefeiert werden. Aus der Mitte des Narrenvereins wurde in diesem Jahr der Elferrat gegründet und im Verlauf der nächsten Jahre fand eine immer stärker werdende Straßen- und Maskenfasnet statt. Mit der wachsenden Beteiligung aller bürgerlichen Schichten wurde 1933 erstmals die Idee geboren, die Machtverhältnisse in der Stadt neu zu ordnen und diese für eine Woche an die Narren zu übergeben. Der offizielle Festakt spielte sich in diesem Jahr auf der Turnhallen-Terrasse (der heutigen Bleiche) ab. „Nach einem eindrucksvollen Aufmarsch verkündete Prinz Karneval sein Narrenmanifest und erlies eine allgemeine Amnestie.“ Im Jahr 1935 zog der nachmittägliche Narrenumzug durch die Stadt auf die Hochstatt. Dort wurde lauthals verkündet, dass die städtische Macht nun auf den Narrenverein und seine Räte übergehen soll. Das Narrenrechtabholen fand also nach dem Fasnetsumzug am Gumpigen Donnerstag statt. Im Jahr 1936 wurde das Narrenrechtabholen auf 10.30 Uhr gelegt und fand erstmals auf dem Rathausplatz statt.

Auch der Ablauf und das Aufführungszeremoniell war grundlegend verändert worden. So übergab nun ein eigens dafür eingesetzter närrischer „Eintagesbürgermeister“ nach einer kurzen Ansprache dem Prinz Karneval den Schlüssel der Narrenstadt. Die gewollte hierarchische Ordnung in der Fasnet, sah zu der damaligen Zeit den Prinz Karneval an seiner Spitze. Der Oberelfer und seine Räte bildeten „nur das Organisationskomittee“.

Nach erneuter Überarbeitung und mehreren Verbesserungsvorschlägen fand dann ab 1937 die Narrenrechtabholung erstmals im feierlichen Rahmen im gotischen Ratssaal des Waldseer Rathauses statt. So fand sich eine große Narrenschar, angeführt vom Elferrat mit ihrem Oberelfer, zuerst auf dem Rathausplatz ein, um anschließend in den Sitzungssaal zu marschieren. Die Überlegungen die Symbolkraft dieser „Machtübernahme“ zu verstärken war ein voller Erfolg. So wurden die Stadtoberen, der Bürgermeister und seine Räte in das Geschehen aktiv mit einbezogen. Um der Inszenierung also einen noch markanteren Rahmen zu verschaffen, war das Geschehen im Jahr 1937 auf den Mittwochabend 19 Uhr gelegt worden. Dieser Brauch und dieser Ablauf haben sich bis heute fast unverändert so erhalten und wurde im Laufe der Jahre durch einen genauen Regieplan manifestiert.

Der Bürgermeister betritt demnach, in fasnächtlichem Gewand und mit Barett als Kopfbedeckung als Zeichen seiner Regentschaft gekleidet, den Sitzungssaal. Begleitet wird er dabei von einem Teil des Gemeinderates, in schwarzen Roben und weißer Perücke dem Anlass entsprechend bekleidet, die sich außen um eine große Tischtafel in Form eines U im Saale platzieren. Der Bürgermeister, der sich zu diesem Zeitpunkt ja noch an der Macht befindet, begrüßt im Rund all die anwesenden Gäste und speziell die anwesende Hochprominenz aus der Bundes- und Landespolitik, wie zum Beispiel im Jahre 2014 den amtierenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

Danach wird die Sitzung allerdings durch den Einzug des Fasnetkuriers jäh unterbrochen, der sich hoch zu Pferd durch die Altstadt vom Gasthaus Kreuz zum Rathaus als Vorhut der närrischen Abordnung auf den Weg gemacht hat, um mit lauter Stimme den Anmarsch des Zunftmeisters und seiner Räte anzukündigen. Hierbei wird bereits die Erwartungshaltung der Narren an die „absolute Bereitschaft zur Übergabe von Narrenrecht und Narrenfreiheit und der Übertrag der totalen Regierungsgewalt über die Fasnet“ kommuniziert. Diese Forderung wird im Kreise des Gemeinderates natürlich kontrovers publikumswirksam diskutiert. Dabei werden durchaus Zweifel angemeldet, warum die Gewalt über die Stadt ausgerechnet an die Narren übergeben werden solle, „narret sei mer de moischt Zeit im Johr doch selber“. Doch nach der unvermeidlichen Einsicht der bisher herrschenden Institutionen dem Wunsch der närrischen Gewalten zu entsprechen, kann der Kurier die positive Botschaft dem bereits versammelten Zunftrat beim Gasthaus Kreuz überbringen, worauf sich dieser in Richtung Rathaus begleitet von der Waldseer Stadtkapelle unter den Klängen des Narrenmarsches und mit lautem Schreien des Narrenrufes „AHA“ in Bewegung setzt.

In dieser Zeit hat eine wohl bekannte Gruppierung der Waldseer Fasnet kurzzeitig das Wort im Rathaussaal übernommen – die Nachtwächtergruppe mit Nachtwächter, Büttel und Trommler. Deren närrische Bekanntmachungen und Geschichten über Vorkommnisse des vergangenen Jahres versetzen den Einen oder Anderen Ertappten in eine peinliche Gesichtsröte während der Rest der Gesellschaft herzlich über die netten Anekdoten herzhaft lachen kann.

Während des Auftritts der Nachtwächtergruppe schallen dann aber auch schon die Klänge des Narrenmarsches durch die Fenster des Rathaussaales und kündigen das Nahen des Zunftrates an. Dieser marschiert unter den Arkaden des Rathauses ein und wird dabei von vielen Zuschauern mit AHA begrüßt, die das Geschehen übertragen aus dem Saal auf einer Videoleinwand bei leckeren Heiß- und Kaltgetränken verfolgen.

Die steinernen Treppen ins Rathaus empor bis zu den Türen des schönen Saales bahnen sich die Zunfträte ihren Weg und marschieren unter lautem Schreien des Narrenrufes in den Sitzungssaal ein und nehmen an den Tischen der Gemeinderäte im Innern der aufgebauten Tischformation ihre Positionen ein. Der Zunftmeister und sein Zeremonienmeister stellen sich dabei am Kopf der Tafel zu beiden Seiten des Bürgermeisters auf, bevor sie allesamt vom Bürgermeister dazu aufgefordert werden die müden Glieder in den Stühlen nieder zu lassen. Dem Angebot folgend lauschen die närrischen Abgeordneten der Narrenzunft Waldsee den Worten des jetzt abzusetzenden Oberhauptes der Stadt, der den entsprochenen Wunsch zur Regierungsübernahme in diesem Kreis nun offiziell wiederholt. Diesen Worten folgt der Zunftmeister, der damit faktisch zum Oberhaupt der gesamten Stadt Bad Waldsee wird, mit seinem Dank und der Ankündigung die „totale Regierungsgewalt vom gumpigen Dunstig über den bromigen Freitag und den schmalzigen Samstig bis Aschermittwoch auszuüben“.

Doch müssen derartig gewichtigen Ereignisse entsprechend mit Brief und Siegel bekräftigt werden, was mit einer Urkunde im traditionellen Format mit Unterschrift und Kerzenwachs bestätigt wird. Die darin enthaltenen Worte werden nach der Unterzeichnung dann vom Bürgermeister verkündet

Kund und zu Wissen,

Aus den Urgichten ist uns bekannt, dass in unserer alten Stadt der Federle heimisch war. Auch Schrättele und Schorrenweible, Narro und Faselhannes beweisen, dass uraltes Brauchtum und Volksgut in Waldsee lebendig geblieben ist. Dies schöne Erbe soll stets durch die hochachtbare Narrenzunft weiter gepflegt und der Nachwelt überliefert werden. Der Bürgermeister und der Magistrat verbriefen hiermit den gefassten Beschluss: Vom gumpigen Dunstig bis zum Aschermittwoch herrsche in Waldsee Narrenrecht und Narrenfreiheit, Wir, Bürgermeister und Magistrat, übertragen untertänigst alle Gewalt in dieser Narrenstadt während dieser Zeit dem Zunftmeister und seinen Räten. Dessen zur Beurkundung gegeben im Namen des Magistrats am Mittwoch vor der Fasnet“

Durch eine abschließende Bestätigung des Beschlusses durch den Gemeinderat in Form des Aufstehens, dem sich die machgewohnten Lokalpolitiker natürlich nicht durchgehend anschließen können, wird die offizielle Übernahme der Macht durch die Narren vollzogen.

Doch noch muss ein symbolischer Schritt vollzogen werden und eine Insignie der Macht, das Barett entschwinden. Das Bild des Strohhutes als Zeichen der Machtlosigkeit des Bürgermeisters vollführt dies auf anschauliche Weise mit den Worten des Zeremonienmeisters an den Bürgermeister gerichtet: „Das Barett muss endlich weichen, der Strohhut sei das äußere Zeichen.“ Dieser Reim Vers bildet die finale Übergabe und ist das Zeichen der neuen Machtverhältnisse in der Stadt.

Nun ist es am Zeremonienmeister in gekonnten und witzigen Anekdoten Begebenheiten des zurückliegenden Jahres vorzutragen. Ihm steht es zu im Kreis der abgesetzten sowie aktuellen Mächtigen der Stadt das Recht des Narren des ungestraften offenen Wortes auszuüben. Und dabei wird auch kein Blatt vor den Mund genommen, wobei der Zeremonienmeister auch die Gedanken der Waldseer Bürgerschaft unverblümt in das offizielle Licht bringt und die ein oder andere Entscheidung des Magistrats kritisch unter die Lupe nimmt. So werden stadtpolitische Themen im jeden Jahr auf den närrischen Prüfstand gebracht und dabei auch mit einem närrischen Alternativen und einem Augenzwinkern angereichert. Und auch wenn der circa halbstündige Vortrag in kompletter Reimform vor allem zur Unterhaltung mit Humor und Witz vorgetragen wird, so ist auch zwischen den Zeilen manche ernstgemeinte Kritik heraus zu hören.  Aber auch die „Großkopferten“ aus Politik und Gesellschaft bekommen in dieser Rede natürlich ihr närrisches Fett ab und müssen manche gereimte Anekdote über sich zur Freude der restlichen Anwesenden ergehen lassen. Doch auch wenn das Recht zum offenen Wort durch den Narren hier entsprechend zelebriert wird, ist es immer noch wichtig, dass jede/r Betroffene/r dies mit einem Schmunzeln ertragen und gegen später mit dem Zeremonienmeister bei einem Getränk darauf anstoßen kann.

Den Abschluss nach der Rede des Zeremonienmeisters bildet der letzte Gruß des nun strohhütigen Bürgermeisters mit einer närrischen Botschaft und Aufforderung im Sinne der gemeinsamen Fasnet

Wenn Macht und Würde wir verlieren

Des Narren Geist wir dann verspüren

Des Weines Wahrheit macht uns trunken

Drum hebet doch die vollen Humpen

In brüderlicher Einigkeit

Verbringet froh die Fasnetszeit

 

 

Nach dieser offiziellen Zeremonie werden noch durch den Zunftmeister anschließend verdiente Personen mit der Verleihung von Ehrenzeichen gewürdigt und können dabei auch in den Genuss eines Waldseer Fasnetskusses kommen. Anschließend verlassen alle Zunfträte und Gemeinderäte zusammen gemeinschaftlich das Rathaus und begeben sich, nach einer Runde um den Stock der Waldseer Altstadt unter den Klängen des Narrenmarsches, in die Wirtschaft des Grünen Baum um dort die besiegelte Machtübernahme gebührend zu feiern.

Das Narrenrechtabholen auf dem Rathaus symbolisiert die Gesellschaftsfähigkeit der Fasnet in Stadt und Land und ist ein Höhepunkt in der Waldseer Fasnet. Es setzt die Signale für eine Hochfasnet in Bad Waldsee, die von einer Lebendigkeit und Gemeinsamkeit auf den Gassen und in den Wirtschaften aller Waldseer Narren lebt.